Leben heißt, immer wieder Abschied nehmen

Fabian Wroblowski • 20. Juli 2026

Loslassen bedeutet nicht Aufgeben

Leben heißt immer wieder Abschied nehmen, und gerade die Kinderzeit birgt darin eine große, zarte Chance: hier können wir Kindern behutsam und liebevoll nahebringen, was Trauer ist und wie sie getragen werden kann. Schon die ersten kleinen Verluste - das zerbrochene Lieblingsspielzeug, das Kuscheltier, das im Kindergarten liegenbleibt, das Kaninchen oder der Hund, der eines Tages nicht mehr zurückkommt - sind Gelegenheiten, Gefühle zu benennen, Fragen zu beantworten und zu zeigen, dass Traurigkeit zum Lieben dazugehört.


Wenn ein Freund wegzieht, die Familie umzieht oder die Schule wechselt, lernen Kinder, dass Abschied nicht das Ende aller Erinnerungen bedeutet, sondern dass Erinnern und Erzählen Brücken bauen. Indem wir ihnen erlauben, zu weinen, Geschichten zu erzählen, Bilder zu malen oder eine kleine Kiste mit Erinnerungen zu füllen, geben wir ihnen Werkzeuge an die Hand, mit denen sie Verlust verstehen und verarbeiten können.


Erwachsene können Vorbild sein, indem sie offen über ihre eigenen Gefühle sprechen, Rituale anbieten - ein Abschiedsbrief, ein gemeinsames Lied, ein Pflanzfest im Garten - und damit zeigen, dass Trauer Raum hat und zugleich verwandelt werden kann in Dankbarkeit und Nähe. So wird Abschiednehmen nicht nur als schmerzliche Erfahrung erlebt, sondern als eine wichtige Lebensschule: Kinder lernen, dass Gefühle kommen und gehen, dass Erinnerungen bleiben und dass sie nicht allein sind mit dem, was sie fühlen. Diese frühen Erfahrungen stärken die Fähigkeit, später im Leben mit größeren Verlusten umzugehen, weil sie wissen, wie man trauert, wie man tröstet und wie man das, was war, liebevoll bewahrt.


Im Jugendalter werden Abschiede lauter und vielschichtiger, und zugleich bieten sie eine besondere Chance, Selbstvertrauen und Mitgefühl zu entwickeln. Die erste große Liebe kann kommen und gehen; das Ende einer Beziehung schmerzt, aber es lehrt uns, wer wir sind, was wir brauchen und wie wir Grenzen setzen. Freundschaften verändern sich, weil Wege auseinandergehen oder neue Gruppen entstehen; das bedeutet nicht, dass alte Verbindungen wertlos werden, sondern dass sie sich verwandeln und uns reicher machen.


Schule, Prüfungen und die Entscheidung für einen Berufsweg bringen Abschiede von vertrauten Tagesabläufen und von der Unbeschwertheit der Kindheit. Wenn Jugendliche lernen, Gefühle zu benennen, sich Unterstützung zu holen und kleine Rituale zu schaffen - ein Abschiedsbrief, ein Fotoalbum, ein gemeinsamer Abend mit Erinnerungen -, dann wächst ihre Fähigkeit, Verluste zu tragen. Diese Phase ist auch eine Einladung, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen: Abschiednehmen wird zur Übung im Loslassen und im bewussten Festhalten an dem, was wichtig ist. So entstehen Resilienz und die Gewissheit, dass Schmerz und Hoffnung nebeneinander existieren dürfen.


Im Erwachsenenalter begleiten Abschiede oft Entscheidungen mit weitreichender Bedeutung: ein Jobwechsel, das Ende einer Partnerschaft, das Erwachsenwerden der Kinder, Umzüge in andere Städte oder Länder. Manche Abschiede sind bewusst gewählt, andere treffen uns unerwartet - etwa der Verlust von Gesundheit oder der Tod naher Menschen. In dieser Lebensphase lernen wir, Abschied als Teil eines reifen Lebens zu sehen: Loslassen bedeutet nicht Aufgeben, sondern Platz schaffen für Neues, für andere Formen von Nähe und für die eigene Weiterentwicklung.


Erwachsene können Abschiede mit Ritualen würdigen - ein Abschiedsessen, ein Brief, ein Baum, der gepflanzt wird - und so Erinnerungen lebendig halten. Wichtig ist, sich selbst Mitgefühl zu schenken, Hilfe anzunehmen und die eigene Trauer nicht zu verdrängen. Wenn wir im Erwachsenenalter Abschiede bewusst gestalten, geben wir uns und anderen die Erlaubnis, zu trauern und zugleich weiterzugehen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jedes Loslassen Spuren hinterlässt: Narben, die heilen, Geschichten, die bleiben, und eine innere Weite, die uns befähigt, das Leben mit all seinen Abschieden und Anfängen anzunehmen.


Herzlichst,

Euer Fabian


Foto: KI

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